renteeuten wird eine Katastrophe vorgegaukelt
Ein Blick des Rentenexperten Gerd Bosbach auf die wirklichen Trends
der Rentenversicherung
Von Prof. Gerd Bosbach, Rhein Ahr Campus, Fachhochschule Koblenz
“Den Leuten wird eine Katastrophe vorgegaukelt”
Statistiker Gerd Bosbach über unseriöse Prognosen, Zahlenspiele und
Wirtschaftswachstum in einem alternden Land
18.03.2006
von Stephan Kaufmann
Herr Professor Bosbach, die Bevölkerung in Deutschland schrumpft, im
vergangenen Jahr etwa um etwa 50 000. Deutschland altert. Führt das
zu Wohlstandsverlusten?
Wir beklagen uns über eine Million Neurentner in fünf Jahren, halten
das für unfinanzierbar. Gleichzeitig leisten wir uns fünf Millionen
Arbeitslose. Wenn nur die Hälfte davon produktiv tätig wäre, ginge es
allen besser. Gleichzeitig klagen wir über zu wenig junge Leute. Aber
für die vorhandenen gibt es nicht genug Ausbildungsplätze, zu wenig
Studienplätze und auch nicht genug Arbeit. Da stimmt doch die Logik
nicht. Lasst uns erst mal alle Jugendlichen gut ausbilden und
arbeiten. Dann können wir sehen, ob die Rentner ein zusätzliches
Problem bedeuten!
Dennoch ist die steigende Anzahl von Rentnern ein Problem für die
Sozialsysteme. Politiker und Ökonomen sprechen von einer
demografischen Zeitbombe.
Das hat mehr mit Demagogie als mit Demografie zu tun. Die Bevölkerung
wird mit Zahlen verwirrt. Ihr wird eine kommende Katastrophe
vorgegaukelt, um sie für Sozialkürzungen empfänglich zu machen.
Aber es gibt doch eine Alterung.
Sicher, die ist seit 130 Jahren in Deutschland auch statistisch
sauber belegt.
Nur urplötzlich soll das ein Problem sein. Ganz abgesehen davon, dass
Vorhersagen über 50 Jahre moderne Kaffeesatzleserei sind. Hätte man
im Jahr 1950 eine Vorausschau auf das Jahr 2000 gewagt, hätte man den
Pillenknick übersehen, den Zuzug der Gastarbeiter, den Trend zur
Kleinfamilie, den Zuzug der Aussiedler aus Osteuropa und vieles mehr.
Hätte man gar im Jahr 1900 eine 50-Jahres-Prognose gemacht, so hätte
man glatt zwei Weltkriege und eine Weltwirtschaftskrise übersehen.
Was in 50 Jahren ist, kann keiner wissen.
Und schließlich sind die wichtigen Modellannahmen der
Bevölkerungsberechnungen keine Naturgesetze, sondern von der Politik
beeinflussbar, zum Beispiel die Kinderanzahl pro Frau oder das Ausmaß
der Zuwanderung.
Hat ihr ehemaliger Arbeitgeber, das Statistische Bundesamt, also die
Öffentlichkeit getäuscht?
Nein, das Bundesamt ist sich der Unsicherheit seiner Prognosen
bewusst und hat das genau so beschrieben. Dies wird von der
Öffentlichkeit jedoch kaum wahrgenommen und von der Politik nicht
verbreitet.
Sie sagen also: Es muss nicht zur Überalterung kommen. Was aber, wenn
es doch so kommt?
Ich mag den Begriff “Überalterung” ebenso wenig wie
“Überbevölkerung”. In der öffentlichen Diskussion gibt es ja
anscheinend von allem zu viel: zu viele Alte, zu viele Schüler, zu
viele Studenten, zu viele Kranke, zu viele Arbeitssuchende. Die
Anzahl der Menschen sollte aber nie ein Problem sein.
Nennen wir den Effekt also nicht Überalterung, sondern Alterung…
Auch diese muss absolut nicht zu einem Problem werden. Das zeigt ein
Blick in die Vergangenheit, da war die Alterung der Gesellschaft viel
stärker als heute.
Von 1900 bis zum Jahr 2000 ist die Lebenserwartung um über 30 Jahre
gestiegen. Jetzt werden sechs weitere Jahre bis 2050 erwartet.
Die Zahl der über 65-Jährigen stieg in Deutschland von 1950 bis 2000
auf mehr als das Doppelte. Und das alles mit massivem Ausbau der
Sozialsysteme.
Aber auch die Zahl der Erwerbsfähigen stieg.
1900 kamen auf einen über 65-Jährigen über zwölf Erwerbsfähige, heute
sind es nur noch vier. Und dennoch sind wir damit gut klar gekommen.
Wieso ist das gelungen?
Dafür gibt es im wesentlichen zwei Gründe: Wer beklagt, dass die
Arbeitenden immer mehr Alte ernähren müssen, der übersieht, dass die
Arbeitenden auch die Kinder und Jugendlichen mitfinanzieren müssen -
das ist nicht nur Geld für Essen, Kleidung, Wohnung, sondern auch für
Universitäten, Kindergärten, Schulen, Gesundheit und so weiter. Und
die Jungen werden weniger. Berechnet man das mit ein, so sieht die
Lage schon viel weniger dramatisch aus.
Und der zweite Grund?
Die Produktivität. Es geht bei der Finanzierung von Rentnern doch
nicht um deren absolute Anzahl, sondern um die wirtschaftliche
Leistungsfähigkeit der Arbeitenden. Selbst bei einer geringen
Steigerung der Beschäftigten-Produktivität um 1,2 Prozent pro Jahr,
kann jeder in 50 Jahren 80 Prozent mehr produzieren. Damit könnten
wir alle volkswirtschaftlich betrachtet auch in einer alternden
Gesellschaft leben wie Gott in Frankreich.
Dennoch klaffen in der Rentenkasse immer größere Löcher.
Das hat aber mit Demografie nichts zu tun, sondern mit der
Beitragsentwicklung - also mit der Entwicklung der Lohnsumme.
Was ist mit den steigenden Ausgaben der Kassen?
Vielfach wird von einer Kostenexplosion geredet, aber die gibt es
nicht. Natürlich sind zum Beispiel die Gesundheitsausgaben in
absoluten Zahlen rapide gewachsen. Nimmt man aber korrekt den Anteil
dieser Ausgaben am Bruttoinlandsprodukt, so ist der Anstieg sehr
moderat, seit 1980 stieg er von 5,7 auf 6,4 Prozent. Das wahre
Kassenproblem ist nicht die Ausgabenseite, sondern dass immer weniger
eingezahlt wird. Ursache ist also nicht das Zunehmen der Alten,
sondern vor allem die Arbeitslosigkeit und geringe Lohnsteigerungen.
Wenn wir es uns leisten, fünf bis sieben Millionen Leute nicht
arbeiten zu lassen, müssen wir uns nicht wundern, wenn die
Sozialversicherungen Finanzprobleme haben.
Wird die Arbeitslosigkeit mit der Schrumpfung der Bevölkerung
verschwinden?
Auf diese so genannte biologische Lösung des Problems würde ich nicht
setzen. Frühestens 2025 - wenn die geburtenstarken Jahrgänge aus den
Sechzigern des letzten Jahrhunderts in Rente gehen - könnte die
biologische Lösung greifen. Dies hieße aber, sich 20 Jahre mit der
hohen Arbeitslosigkeit abzufinden. Das ist inhuman. Abgesehen davon
beeinflusst eine Vielzahl von Faktoren die Arbeitslosigkeit, die
Demografie ist nur eine. Das zeigt sich auch in den Prognosen der
Experten. Bei ihnen herrscht große Unsicherheit. Während die
Herzog-Kommission mit einer konstanten Arbeitslosigkeit rechnet,
erwartet die Rürup-Kommission eine Halbierung der Arbeitslosigkeit
und die Hartz-Kommission in einer Variante für 2015 sogar einen
Arbeitskräfte-Mangel. Als Mathematiker kann ich diese Prognosen nur
so kommentieren: Mindestens zwei der drei Experten irren sich
gravierend. Wir sollten politische Entscheidungen wieder als
Gesellschaft treffen und nicht nur den Rat dieser Experten umsetzen.
Dies wird aber dennoch gefordert. “Die Demografie macht den Umbau
unserer Sozialsysteme dringend notwendig”, sagt SPD-Arbeitsminister
Franz Müntefering.
Der Schluss liegt nahe, dass Politiker und Wirtschaft dieses Mal die
Demografie-Frage für ihre Ziele instrumentalisieren. Statistiken
werden oft nicht benutzt, um einen Sachverhalt zu beleuchten, sondern
nur um die eigene Argumentation zu rechtfertigen. So haben die
jüngsten realen Rentenkürzungen nichts mit der Demografie zu tun.
Schuld an den Löchern in den Sozialkassen sind die Arbeitslosigkeit,
der Rückgang der Lohnquote, der wachsende Niedriglohn-Sektor und die
Tatsache, dass immer mehr sozialversicherungspflichtige Stellen durch
Mini-Jobs oder sogar Ein-Euro-Jobs ersetzt werden.
Doch höhere Löhne sind politisch nicht gewollt und mehr Arbeitsplätze
gibt es nicht. Daher lenken Politik und Wirtschaft gerne den Blick
auf die Alterung. Sie sagen den Menschen: Allein die Demografie ist
schuld - also eigentlich ihr selber. Denn ihr werdet immer älter und
bekommt zu wenig Kinder. Und viele Leute glauben das.
Interview: Stephan Kaufmann
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Zur Person
Foto: Professor Gerd Bosbach (52) lehrt Statistik, Mathematik und
Empirik an der Fachhochschule Koblenz. Zu vor arbeitete er unter
anderem beim Statistischen Bundesamt, dort vor allem in der Bonner
Beratungsstelle für Ministerien und den Bundestag.