sterben - Rente mit 85 Jahren
Jeder von uns stirbt jeden Tag ein klein wenig, ohne es zu merken.
Irgendwann sieht man in die Vergangenheit und merkt, daß all die
Menschen, die man früher einmal war, gestorben sind, und auch wenn
jeder nachfolgende aus dem vorhergehenden geboren wurde, so würde
doch der, der ich mit zwölf war, den, der ich mit 20 war, nicht mehr
erkennen. Der mit 20 würde mich zwar noch erkennen, sich aber sehr
wundern, wie anders er ist.
Ich habe sehr viel von dem, was ich früher gedacht habe, vergessen.
Ich glaube mich oft zu erinnern, aber Erinnerung ist kein Abrufen von
gespeicherten Daten, sondern eine Rekonstruktion, die Erfindung einer
Geschichte, um meinen jetzigen Zustand zu rechtfertigen. Wenn ich
alte Aufzeichnungen von mir ansehe, dann stelle ich fest, daß sie
sich nicht mit meinen Erinnerungen decken. Ich weiß zwar noch recht
genau, was ich getan habe, aber warum ich es getan habe, was ich
dabei gedacht habe, das weiß ich eben nicht mehr.
Ich kann mich nur noch daran erinnern, daß ich als Kind katholisch
getauft wurde, aber in einem sehr liberalen und nicht sonderlich
religiösen Elternhaus aufwuchs. Irgendwann in der Pubertät ging mir
mein katholischer Glaube dann verloren, und ich wurde zum Agnostiker.
Mit Anfang 20 kippte der Agnostizismus dann wieder um, und ich fing
an, meinen eigenen Glauben zu entwickeln, der sich bis heute
weiterentwickelt, aber animistische, polytheistische und
pantheistische Elemente in einem wilden Flickenteppich vereinigt und
irgendwie ganz grob in die neuheidnische Ecke paßt. Daß mein Glaube
sehr flickenteppichartig ist und die einzelnen Teile nicht ganz
zusammenpaßen, hat aber auch wiederum Methode, da ich mit etwa 25
Jahren auf den Chaoismus gestoßen bin, der sich auch hervorragend mit
meiner anarchistischen Grundeinstellung deckt.
Mir ist bewußt, daß ich nur eine Erfindung meiner selbst bin. Mittels
Ritualen kann ich mich selbst neu programmieren, wenn ich das will,
ein Vorgang, der auch als “Initiation” bekannt ist. Bei klassischen
Initiationsritualen wird ein Mensch von einem Priester oder Schamanen
geführt, um seine Persönlichkeit gezielt in bestimmter Art und Weise
umzuprogrammieren, damit er bestimmte gesellschaftliche Rollen
übernehmen kann, bekannt sind etwa Rituale, um aus einem Kind einen
Erwachsenen zu machen, welche in der Pubertät stattfinden, oder
Rituale, um aus einem jungen Menschen, der gezeigt hat, daß er mit
den Geistern reden kann, einen Schamanen zu machen. Unserer Welt sind
viele Initiationsrituale abhandengekommen, was es für Menschen
schwierig macht, sich zurechtzufinden, aber mithilfe chaoistischer
Methoden, die schamlos bei alten Religionen, aber auch bei alten
gesellschaftlichen Ritualen abkupfern, kann sich jeder nach eigenem
Willen eigene Rollen erfinden und sich darauf programmieren, auch
temporär. wenn das gewünscht ist.
Würden wir alle 1000 Jahre oder mehr leben, dann bräuchten wir wieder
mehr Initiationsrituale, um uns gezielt zu verwandeln, damit wir die
Orientierung nicht noch mehr verlieren, als wir sie bereits verloren
haben. Um aber nicht erneut in die Falle einer rigiden
Gesellschaftsstruktur mit starrem Rollenverständnis zu tappen, müßte
jeder von uns sein eigener Schamane werden, der seine eigenen Rituale
entwickelt, um sich selbst jede Maske aufzusetzen, die momentan
gerade paßt.

If you want edit me? just go to your profile than add description text as many you like. ^_*